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TARDOC Tarif 2026 — Was ändert sich bei der Arzttarif-Abrechnung in der Schweiz?

TARDOC löst TARMED ab 2026 ab. Was Patienten über den neuen Arzttarif wissen müssen: Pauschalen, Kostenneutralität, Hausarzt-Stärkung.

Das Wichtigste in 30 Sek.

Seit 1. Januar 2026 gilt TARDOC als neuer Arzttarif für ambulante Behandlungen — TARMED ist nach 22 Jahren Geschichte. Für Patienten ändert sich medizinisch nichts, die Rechnung sieht aber anders aus: statt 4’600 nun 1’300 Tarifpositionen, dazu 315 Pauschalen für Standardeingriffe. Die Umstellung soll kostenneutral verlaufen, stärkt Hausärzte und behebt Fehlanreize des alten Systems.

1’300

TARDOC-Positionen statt 4’600 (TARMED)

Die Tarifstruktur wurde radikal vereinfacht — drei Viertel der alten Positionen sind verschwunden.

315

Neue ambulante Pauschalen

Für Standardeingriffe (z.B. Herzschrittmacher-Batteriewechsel) gilt jetzt ein Fixpreis — keine Einzelabrechnung mehr.

3 Jahre

Kostenneutralitätsphase bis 2028

Der Bundesrat überwacht: Die Umstellung darf maximal +1,5 % Mehrkosten pro Jahr verursachen.

Warum TARDOC — Warum jetzt?

TARMED, die Tarifstruktur für ambulante Arztleistungen, galt seit 2004 unverändert. Die Taxpunkte basierten auf Kostendaten aus den 1990er Jahren. Das Problem: Ein minimalinvasiver Eingriff, der 2004 noch einen halben Tag dauerte, wird heute in 30 Minuten erledigt. Umgekehrt wurden neue Behandlungen (Telemedizin, Chronic Care Management) gar nicht abgebildet.

Die Folge: Fehlanreize. Technische Untersuchungen (CT, MRI) wurden oft besser vergütet als das Arztgespräch — die sogenannte «sprechende Medizin» (Anamnese, Diagnosefindung) lohnte sich tariflich kaum. Hausärzte waren strukturell unterbewertet.

Am 30. April 2025 genehmigte der Bundesrat das neue Tarifsystem: TARDOC (Einzelleistungen) plus ambulante Pauschalen. Ab 1. Januar 2026 ist es schweizweit in Kraft — im KVG, UVG, IVG und MVG.

💡 Was heisst «ambulant»?

Ambulant = Behandlung ohne Übernachtung im Spital (Praxis, Spital-Poliklinik, Notfallstation). Stationäre Tarife (SwissDRG) bleiben unverändert — TARDOC betrifft nur den ambulanten Bereich.

TARDOC vs. TARMED — die 5 wichtigsten Unterschiede

MerkmalTARMED (2004–2025)TARDOC (ab 2026)
Tarifpositionen~4’600 Positionen~1’300 Positionen
Zeiterfassung5-Minuten-Takt1-Minuten-Takt (präziser)
Hausarzt-KapitelFehltEigenes Kapitel mit neuen Positionen
PauschalenKeine315 Pauschalen für Standardeingriffe
KostenbasisDaten aus den 1990ernAktualisierte Kostendaten 2023/2024

1. Von 4’600 auf 1’300 Positionen

TARDOC räumt auf: Dopplungen, veraltete Positionen und historische Altlasten sind verschwunden. Das klingt nach Vereinfachung — aber: Die Zuordnung ändert sich radikal. Eine TARMED-Position lässt sich nicht 1:1 auf TARDOC übertragen. Ärzte mussten ihre Software und Favoriten-Listen komplett überarbeiten.

2. Minuten-Takt statt 5-Minuten-Blöcke

TARMED rechnete in 5-Minuten-Blöcken ab. TARDOC erfasst Zeitleistungen minutengenau (ausser in bestimmten Grundversorger-Kapiteln). Das macht die Abrechnung präziser — vor allem bei kurzen Konsultationen.

3. Hausärzte erhalten ein eigenes Kapitel

Neu gibt es in TARDOC ein Hausarzt-Kapitel (Kapitel CA) mit Positionen für Chronic Care Management, palliative Betreuung und digitale Angebote (Telemedizin). Dazu:

  • Besuchsinkonvenienzpauschale für Hausbesuche (höhere Vergütung)
  • Höhere Limite für Umfeldarbeit in Abwesenheit des Patienten (Telefon mit Spital, Angehörigen-Gespräch, Koordination)

4. Ambulante Pauschalen

Das ist die grösste Neuerung: Für 315 definierte Eingriffe gilt ein Fixpreis (Pauschale), der alle Leistungen des OP-Tags plus Nachsorge (bis 30 Tage) abdeckt. Beispiele:

  • Herzschrittmacher-Batteriewechsel
  • Katarakt-OP (grauer Star)
  • Hernienoperation
  • Medikamentenpumpen-Implantation
  • Arthroskopien

Vorteil für Patienten: Kostentransparenz. Sie wissen vorher, was der Eingriff kostet. Vorteil fürs System: Verhindert unnötige Einzelleistungen (z.B. doppelte Nachkontrollen nur zur Abrechnung).

5. Neue Bewertung der «technischen Leistung» (TL)

TARMED teilte jede Position in AL (ärztliche Leistung = Arztzeit) und TL (technische Leistung = Geräte, Infrastruktur). TARDOC hat die TL-Komponente komplett neu bewertet:

  • Moderne Geräte (OCT in der Augenheilkunde, neue Ultraschallgeräte): höhere TL
  • Alte Geräte (veraltete Labor-Technologien): tiefere TL
  • Gespräche (Psychiatrie, Psychotherapie, Hausarzt-Beratung): höhere AL, niedrigere TL — das behebt die alte Schieflage zugunsten der «sprechenden Medizin»

⚠️ Taxpunktwert bleibt kantonal unterschiedlich

TARDOC ist schweizweit einheitlich (jede Position hat gleich viele Taxpunkte). Aber der Taxpunktwert (CHF pro Taxpunkt) wird kantonal verhandelt. Zürich: 91 Rappen, Genf: ~96 Rappen. Ein Arzt in Genf verdient für dieselbe Konsultation ~13 % mehr als in Glarus.

Was ändert sich für Patienten konkret?

Behandlung bleibt gleich

Medizinisch ändert sich nichts. Ihr Hausarzt führt dieselben Untersuchungen durch, das Spital operiert nach denselben Standards. TARDOC ist nur ein Abrechnungssystem — kein medizinisches Regelwerk.

Rechnung sieht anders aus

Seit Januar 2026 steht auf Ihrer Krankenkassen-Rechnung:

  • Tarifcode 007 = TARDOC-Einzelleistung
  • Tarifcode 005 = Ambulante Pauschale

Die Bezeichnungen der Positionen ändern sich. Beispiel:

  • TARMED: „00.0010 Konsultation, erste 5 Min.”
  • TARDOC: „AA.10.0010 Konsultation Allgemeine Grundleistungen, 15 Min.”

Tipp: Krankenkassen müssen Ihnen auf Verlangen eine verständliche Rechnung schicken. Nutzen Sie das — die neuen Codes sind anfangs verwirrend.

Kostenneutralität als Ziel

Der Bundesrat hat eine dreijährige Kostenneutralitätsphase (2026–2028) verordnet:

  • Statische Kostenneutralität: Die Umstellung selbst darf keine Mehrkosten verursachen (Vergleichsjahr 2025).
  • Dynamische Kostenneutralität: 2026–2028 dürfen die Kosten maximal +1,5 % pro Jahr steigen (Korridor: –1 % bis +1,5 %).

Die OAAT AG (Organisation ambulante Arzttarife) überwacht das mit regionalem Monitoring (7 Grossregionen). Wird der Korridor verletzt, werden Taxpunktwerte automatisch angepasst.

Realität: Erste Monate 2026 zeigen, dass einzelne Fachbereiche (Chirurgie, Radiologie) höhere Abrechnungen haben, andere (Allgemeinmedizin) stabile Kosten. Das Monitoring läuft — Anpassungen für 2027 werden erwartet.

Wie funktionieren die ambulanten Pauschalen?

Pauschalen decken alle Leistungen eines Eingriffs ab:

  • Vor-Untersuchung
  • Der Eingriff selbst (OP, Intervention)
  • Anästhesie
  • Verbrauchsmaterial, Medikamente
  • Nachsorge bis 30 Tage nach dem Eingriff
  • Berichte an Zuweiser

Auf der Rechnung steht nur der Gesamtpreis, keine Einzelposten mehr. Bei Komplikationen (z.B. Nachblutung) wird eine zweite Pauschale abgerechnet — das ist explizit vorgesehen.

📋 Beispiel: Arthroskopie Kniegelenk

TARMED (bis 2025): 12 Einzelpositionen (Vorbereitung, OP-Zeit, Anästhesie, Nachsorge, Bericht, Röntgen, Labor) = 28 Zeilen auf der Rechnung, CHF 3’200–4’500 je nach Dauer.

TARDOC + Pauschale (ab 2026): 1 Pauschale „Kniearthroskopie Meniskus-Teilresektion” = CHF 3’800 fix (inkl. allem).

Kritik: Chirurgen-Verbände befürchten, dass komplexe Fälle nicht mehr kostendeckend sind (z.B. Revisionsoperationen). Der Bundesrat hat nachgebessert: Für 2026 gilt eine Übergangsregelung, 2027 werden die Pauschalen nach ersten Erfahrungswerten angepasst.

TARDOC in der Praxis — drei Szenarien

Szenario 1: Hausarzt-Konsultation mit Chronic Care

Patient: Diabetiker, 68 Jahre, regelmässige Kontrolle.

TARMED (2025): Konsultation 15 Min. (CHF 57), Blutzucker-Messung (CHF 12), Koordination mit Diabetologe (CHF 9) = CHF 78.

TARDOC (2026): Konsultation 15 Min. + Chronic-Care-Management Diabetes Modul (inkl. Koordination, digitale Datenerfassung) = CHF 92.

Ergebnis: Hausarzt wird besser vergütet für die Betreuung chronisch Kranker — das war ein Hauptziel von TARDOC.

Szenario 2: Augenarzt-Kontrolle mit OCT

Patient: Glaukom-Überwachung (grüner Star), jährliche OCT-Untersuchung.

TARMED (2025): Konsultation (CHF 47), OCT (CHF 34) = CHF 81.

TARDOC (2026): Konsultation (CHF 43), OCT (CHF 45 — höhere TL-Bewertung für moderne Geräte) = CHF 88.

Ergebnis: Leicht teurer, weil TARDOC die OCT-Technologie realistischer bewertet.

Szenario 3: Herzschrittmacher-Batterie-Wechsel

Patient: Routinewechsel nach 8 Jahren.

TARMED (2025): 18 Einzelpositionen (OP-Zeit, Anästhesie, Material, Nachkontrollen, EKG, Röntgen, Bericht) = CHF 5’200–6’800 (je nach Spital und Abrechnungs-Strategie).

TARDOC (2026): Pauschale „Herzschrittmacher-Aggregatwechsel” = CHF 5’900 fix.

Ergebnis: Kostendeckend für das Spital, transparent für den Patienten — keine Überraschungen mehr.

Welche Probleme bleiben?

1. Übergangschaos in den ersten Monaten

Ärzte und Spitäler melden: Software-Bugs, falsche Taxpunktwerte, unklare Kombinationsregeln (darf ich Position X zusammen mit Pauschale Y abrechnen?). Die OAAT AG hat eine Infoline eingerichtet — aber die Lernkurve ist steil.

2. Ambulante Pauschalen decken nicht alle Eingriffe

Nur 315 Pauschalen sind definiert. Für viele Eingriffe (z.B. komplexe Tumorchirurgie, seltene Operationen) bleibt TARDOC-Einzelabrechnung. Das führt zu Mischformen: Einige Leistungen pauschal, andere einzeln — die Rechnung wird wieder komplex.

3. Kostenneutralität ist politisch, nicht ökonomisch

Die Vorgabe „kostenneutral” bedeutet: Gleiches Leistungsvolumen, gleiche Kosten. Aber: Wenn mehr Patienten behandelt werden (demografische Alterung), steigen die Kosten trotzdem. TARDOC löst das Grundproblem nicht — es ist nur ein Tarif, keine Kostenbremse.

4. Digitalisierung fehlt

TARDOC erwähnt digitale Leistungen (Telemedizin, App-basierte Betreuung), aber die Taxpunkte sind tief. Ein 15-minütiges Videogespräch wird gleich vergütet wie ein Telefon-Kontakt — das bremst Innovation.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich als Patient etwas tun?

Nein. TARDOC ist ein Abrechnungssystem zwischen Ärzten und Krankenkassen. Ihre Franchise, Ihr Selbstbehalt (10 %), Ihre Prämie — alles bleibt gleich. Einzige Änderung: Die Rechnung sieht anders aus (neue Codes, andere Bezeichnungen).

Werden die Krankenkassenprämien wegen TARDOC steigen?

Nein — zumindest nicht direkt durch TARDOC. Die Umstellung soll kostenneutral sein (Bundesratsvorgabe). Die Prämien 2026 steigen um 4,4 %, aber das liegt an den Gesundheitskosten insgesamt (mehr Leistungen, teurere Medikamente, Alterung), nicht am Tarifwechsel.

Was passiert, wenn meine Rechnung falsch ist?

Melden Sie Auffälligkeiten Ihrer Krankenkasse (nicht dem Arzt — die Kasse prüft). Die Kasse kann Leistungen verweigern, wenn sie nicht plausibel sind. Bei Qualitätsproblemen: Kantonsarzt informieren.

Gilt TARDOC auch bei Unfällen (UVG)?

Ja. TARDOC gilt ab 1. Januar 2026 im KVG (Krankenkasse), UVG (Unfallversicherung), IVG (Invalidenversicherung) und MVG (Militärversicherung) — schweizweit einheitlich.

Wie erkenne ich auf der Rechnung, ob TARDOC oder Pauschale abgerechnet wurde?

Tarifcode 007 = TARDOC-Einzelleistung. Tarifcode 005 = Ambulante Pauschale. Die Codes stehen oben auf der Rechnung. Wenn Sie eine Pauschale sehen, ist der Preis fix — keine Einzelposten darunter.

Was passiert mit TARDOC nach 2028?

Die Genehmigung des Bundesrats ist bis 31. Dezember 2028 befristet. Danach wird neu entschieden. Die OAAT AG entwickelt TARDOC jährlich weiter (erste Revision: 1. Januar 2027). Ziel: Mindestens 34 % des Volumens über Pauschalen abrechnen — aktuell sind es ~15 %.

Gilt TARDOC auch für Zusatzversicherungen?

Nein. TARDOC gilt nur für KVG-Grundversicherung und sozialversicherungsrechtliche Tarife (UVG, IVG, MVG). Zusatzversicherungen (VVG) haben eigene Tarife — da ändert sich nichts.

Fazit — TARDOC ist ein Schritt vorwärts, aber kein Wunder

Nach 22 Jahren TARMED war eine Tarifrevision überfällig. TARDOC behebt echte Probleme:

  • Hausärzte werden endlich angemessen vergütet.
  • Fehlanreize (Technik schlägt Gespräch) sind reduziert.
  • Pauschalen schaffen Transparenz bei Standardeingriffen.

Aber: TARDOC ist kein Kostendämpfungs-Instrument. Die demografische Alterung, teurere Medikamente (siehe Medikamentenpreisdebatte 2026/27) und die Verlagerung von stationär zu ambulant treiben die Kosten weiter — egal welcher Tarif gilt.

Für Patienten gilt: Rechnungen kontrollieren (Fehler passieren bei jeder Umstellung), bei Unklarheiten die Krankenkasse fragen, und sich bewusst sein: Der Tarif ist Mittel, nicht Zweck. Entscheidend bleibt die Qualität der Behandlung — und die hängt vom Arzt ab, nicht vom Abrechnungscode.

Weiterführende Informationen

  • BAG Priminfo (priminfo.admin.ch): Offizielle Prämienvergleiche, TARDOC-FAQs
  • FMH Tarifbrowser (tarifeambulant.fmh.ch): Alle TARDOC-Positionen durchsuchbar
  • OAAT AG (oaat.swiss): Tariforganisation, jährliche Updates
  • Krankenkassen-Ratgeber (insurance-guide.ch): Franchise-Rechner, Modellvergleiche

Quellen:
Bundesamt für Gesundheit (BAG), Medienmitteilung 30. April 2025 „TARDOC und ambulante Pauschalen: Der Bundesrat genehmigt das neue Gesamt-Tarifsystem”; FMH Informationsplattform Ambulante Tarife (Stand Juni 2026); OAAT AG Tarifbrowser Version 1.4c (Januar 2026); Bundesratsbeschluss zur Kostenneutralität vom 5. November 2025.

Stand: 1. Juli 2026. Alle Angaben ohne Gewähr — bei medizinischen oder Abrechnungsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Ihre Krankenkasse.

Nicole Bohne
Über den Autor

Nicole Bohne

Versicherungs- & Vorsorgeberaterin

Nicole Bohne berät Expats und Neuzuzüger zu Krankenversicherung, Zusatzversicherungen und Säule 3a. Sie ist FINMA-registrierte Vermittlerin (F01536402) und berät auf Deutsch, Englisch und Französisch.

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